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Reflexionsliste "Systemische Berichtgestaltung"

aus: Spitczok von Brisinski, I. (2006): Systemische Narrative, Qualitätsmanagement, Psychiatrie & Krankenkassen: Eine Reflexionsliste zur systemischen Berichtgestaltung. Kontext 3, 275-296


Schreiben über Krankheit und Gesundheit

  • Als pathologieorientiert gelten Aussagen, die krankheitsbedingte Symptome/Probleme zugrunde legen und daraus eine Bedürftigkeit für den Patienten ableiten.
  • Defizit- und ursachenorientierte Aussagen können sowohl krankheitsbezogen gemacht werden als auch Ausgangspunkt sein für Ansätze, mit deren Hilfe Patient und Familie den Symptom-/Problemverlauf beeinflussen können.
  • Als ressourcenorientiert gelten Äußerungen, die dem Patienten und seiner Familie Fähigkeiten zur Beeinflussung des Krankheits- und Problemverlaufs zuerkennen.
  • Lösungsorientierte Aussagen erläutern von Ursachen unabhängige Wege zu Minderung/Lösung der behandlungsbedürftigen Symptome/Probleme. Hierbei kann es sich um pädagogische, psychotherapeutische, medikamentöse und/oder soziotherapeutische/ökonomische Maßnahmen handeln.
  • Als kundenorientiert gelten Äußerungen, in denen Patient und Angehörige als Kunden wahrgenommen werden, die ihre Aufträge mit dem Therapeuten aushandeln.

    Anzustreben sind pathologieorientierte, defizitorientierte, ressourcenorientierte, ursachenorientierte, lösungsorientierte, objektivistische und/oder kundenorientierte Äußerungen in einem jeweils störungs- und kontextangemessenen Verhältnis.


    Vorstellungsanlass und Anamnese

  • In welchen Situationen wurde die Symptomatik, die Anlass zur Behandlung ist, von wem wahrgenommen und in welchen Kontexten trat sie weniger oder gar nicht auf? Was wurde bisher von wem zur Problemlösung unternommen? Wurden vorübergehende und/oder Teilerfolge erzielt?


    Auftragsklärung

  • Welche Aufträge soll der Bericht für wen erfüllen? Ist für die Leser nachvollziehbar, welche Aufträge für wen bzgl. der Diagnostik und Behandlung übernommen wurden?
  • Ist der Überweiser/Einweiser bzw. Auftraggeber selbst Teil des "Problemsystems"? Sind vorbereitende Gespräche mit dem Adressaten erforderlich?


    Berichte über Verhandlungen zu Sinn, Inhalt und Dauer des Aufenthaltes

  • Wurden mit dem Kundensystem (Patient, Angehörige, soziale Dienste, Ämter, Gerichte, usw.) Gespräche geführt, in denen über Inhalt, Sinn und Dauer des Aufenthaltes verhandelt wurde? Welche Vereinbarungen über Inhalt, Ziel und Dauer des Aufenthaltes ergaben sich aus den Einschätzungen und den Kontrollpflichten des Behandlungssystems und den Anliegen des Kundensystems? Wurde nach den Wünschen und Vorstellungen des Patienten und seiner Familie gefragt? Wurde nach dem Sinn gefragt, den der Patient und seine Familie selbst in dem Aufenthalt sahen? Wie wird der Sinn, den der Patienten und seine Familien dem Aufenthalt gaben, mit der Behandlungsdauer und den Inhalten verknüpft? Wurde die Dauer der voraussichtlichen Behandlung dem Patienten und seiner Familie mitgeteilt oder wurde die Behandlungsdauer in Kooperationsgesprächen ausgehandelt?


    Psychischer Befund

  • In welchem Kontext und unter welchen Bedingungen wurden die Beobachtun-gen gemacht? Wird deutlich, dass es sich nicht um objektive allgemeingültige Feststellungen, sondern Impressionen eines beobachtenden Subjekts in einem bestimmt Kontext handelt?


    Diagnosen

  • Wie entstanden die Diagnose(n) und wie wurde darüber informiert? Wie wurden die Annahmen über Folgen der Diagnose (Störungsverständnis, Therapiewahl, Selbstverantwortung, Schuldgefühle, Prognose) gemeinsam reflektiert?


    Darstellung des Behandlungsverlaufs

  • Welche Themen oder Ereignisse wurden im therapeutischen Prozess von wem wie aufgenommen? Welche thematischen Schwerpunkte bildeten sich? Wurden Begegnung und Interaktion abgebildet? Setzen sich in der reflexiven Auseinandersetzung mit dem Fall spezifische Deutungsmuster durch? Falls ja, auf welche übergreifenden Fallstrukturhypothesen zielen diese hin? Wie stehen die beschriebenen Interventionen in einem sinnlogischen Zusammenhang zu den Themen, Ereignissen, Beobachtungen und Reflexionen? Ergibt sich eine Stringenz der Interventionen im zeitlichen Prozess? Wo siedeln sich die Interventionen im Spektrum zwischen individuumzentriertem und interpersona-lem Intervenieren an? Wie und wann wurden die Interventionen ausgewertet und überprüft?
  • Auch wenn eine Teilmenge von Beobachtungen mittels einer Diagnose klassifiziert werden kann, muss sich das Patienten-/Angehörigensystem nicht auf diese reduzieren lassen. Welche Aspekte werden über das Diagnosesystem hinaus im Bericht beschrieben?
  • Welche Aspekte haben sich während der Behandlung positiv entwickelt?


    Wahlmöglichkeiten im Behandlungsmenü

  • Welche Elemente des Behandlungsangebots (z. B. Familientherapie, Einzeltherapie, Gruppentherapie, Kreativtherapie, Interaktionstherapie, Ergotherapie, Krankengymnastik, sozialarbeiterische Betreuung, Pharmakotherapie) wurden als Wahlmöglichkeit angeboten, welche als verpflichtend vorgegeben?
  • Wie wurde der Behandlungsplan erstellt, mit welchen Mitspracherechten seitens des Patienten und seiner Familie?


    Verhandeln über medikamentöse Therapie

  • Werden Psychopharmaka kompetenzorientiert als Werkzeug des Patienten und seiner Angehörigen zur Erleichterung aktiver selbstverantwortlicher Arbeit an den Lösungen ihrer Probleme dargestellt? Wurden Risiken und Nützlichkeit des Werkzeugs aufgezeigt, Zielsetzungen und Regeln transparent gemacht? Erfolgte eine Beratung hinsichtlich des sachgerechten Gebrauchs? Unterstützen Angehörige und Arzt/Therapeut den Patienten darin, mit diesem Werkzeug kompetent umzugehen?
  • Inwieweit bestand für Patient und Angehörige die Möglichkeit, Aspekte der Psychopharmakotherapie auszuhandeln?


    Reflexions-Settings für Angehörige und andere Beteiligte

  • Fanden Gesprächsrunden mit Patienten, Angehörigen und Mitgliedern sozialer Netze statt, in denen sich die Beteiligten ein Bild darüber erarbeiten, wie ihre Interaktion in einem Wechselwirkungskreislauf die Symptomatik des Patienten einerseits fördern und aufrechterhalten, andererseits verändern könnte?


    Systemisches Verhalten über Handlungsoptionen in schwierigen Situationen

  • Welche Praktiken oder Rituale gab es im Umgang mit Konflikt- und Krisensituationen (z. B. Hausordnungsverstöße, Selbstgefährdung und Fremdgefährdung), um dem Patienten und seinen Eltern möglichst viel Entscheidungsverantwortung zu lassen oder zurückzugeben? Welche Alternativen zu Fixierungen wurden praktiziert? Gab es Behandlungsverträge oder Ähnliches, die Maßnahmen in akuten Krisen regeln? Wie wurden Eskalationen verhindert?


    Empfehlungen

  • Sind nach Abschluss der Behandlung, über die berichtet wird, noch weitere Maßnahmen sinnvoll? Wird trotz ressourcenorientierter Darstellung ausreichend deutlich, welche Maßnahmen und warum empfohlen werden? Ist erkennbar, dass diese weiteren Maßnahmen aufgrund der bisherigen Behandlungserfolge erst jetzt (wieder) möglich werden bzw. als ausreichend angesehen werden?


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    http://www.systemisch.net/ 2006 Ingo Spitczok von Brisinski