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Systemisches Gedankenregister:

Diagnosen


Diagnosen, Narrative und Konstruktivismus

Ingo Spitczok von Brisinski

Diagnosen sind Schlagzeilen zu Geschichten, die Klienten und andere Experten erzählen.
Bei diesem narrativen Verständnis von Diagnosen kann es sein, dass die Schlagzeile vom Therapeuten vorgeschlagen wird (wenn sie ihm passend oder als eine von mehreren Möglichkeiten erscheint) oder dass der Klient bereits mit der Schlagzeile zum Therapeuten kommt, aber die Story noch nicht komplett ist. Auch kommt es vor, dass der Klient an den Therapeuten (oder Diagnostiker) die Frage stellt, ob ihm die Schlagzeile als passend erscheint.
Diagnostiker und Therapeuten können Schlagzeilen nur für eigene Belange bestimmen, anderen Personen gegenüber könne Sie Schlagzeilen bzw. Diagnosen lediglich vorschlagen (und dabei ist es egal, welcher Terminologie sie sich bedienen, ob 'inkonsequente Erziehung', 'Generationsgrenzenkonflikt', 'Triangulation', 'freches Kind' oder 'Hyperkinetisches Syndrom'). Schreibt z. B. ein Arzt die Diagnose 'Hyperkinetisches Syndrom' in seinen Arztbericht, dann tut er dies in der Regel deshalb, weil er selbst der Meinung ist, dass diese Schlagzeile als passend angesehen werden kann für die Geschichte, die ihm die Klientenfamilie, Schule und ggf. andere Experten erzählt bzw. geschrieben haben. Benutzt die Klientenfamilie nun im weiteren Verlauf die Schlagzeile 'Hyperkinetisches Syndrom' und damit verbundene Konstrukte (z. B. im Dialog mit den Lehrkräften, im Umgang miteinander, möglicherweise auch durch Methylphenidat-Einnahme des Betroffenen), so hat sie die Schlagzeile zumindest vorerst als passend für ihre Geschichte angenommen. Sie kann diese Schlagzeile aber auch ablehnen oder vergessen und mit anderen Konstrukten und Konzepten weiterarbeiten und -leben.

Aus konstruktivistischer Sicht kann es keine objektiv richtigen oder falschen Diagnosen geben, sondern ledigliche viable und nonviable Diagnosen.
Denn die objektive Erfassung der Realität ist durch Subjekte wie z. B. Menschen nicht möglich.
Diagnosen sind viabel, wenn mit ihrer Hilfe sinnvolle Denk- und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft ge- oder erfunden werden können.
Dabei können Klient und Behandler ähnliche oder unterschiedliche Denk- und Handlungsmöglichkeiten aus derselben Diagnose ableiten oder ähnliche oder unterschiedliche Denk- und Handlungsmöglichkeiten aus unterschiedlichen Diagnosen (wenn sie sich nicht auf dieselbe Diagnose einigen: So kommt es z. B. vor, dass der Behandler einen inkonsequenten Erziehungsstil bei den Eltern diagnostiziert, die Eltern dagegen bei ihrem Kind ein hyperkinetisches Syndrom erkennt).

Diagnosen schaffen Gemeinsamkeiten.
Jeder Mensch ist einzigartig - diese Ansicht kann auf Probleme bezogen sehr einsam machen. Denn plötzlich steht die einzigartige Person mit dem Problem der Gemeinschaft derer, die das Problem "nicht haben" gegenüber. Sind die Probleme gravierend genug, führt dies zu Unverständnis und Ausgerenzung. Findet die Person bzw. ihre Familie jedoch andere Personen mit den gleichen oder ganz ähnlichen Problemen, darf sie von diesen Personen bzw. ihren Familien mehr Verständnis erwarten und es kann sich eine Gemeinschaft derer "mit den gleichen Problemen" bilden. So sind in den letzten Jahrzehnten insbesondere für relativ häufig auftretende Probleme wie Alkoholabhängigkeit, Autismus oder ADHS Selbsthilfegruppen entstanden. Seit der breiten Nutzung des Internets entstehen solche Gemeinschaften in Form von Community, Mailingliste, Forum, Chat und realen Treffen auch für seltener auftretende Problemkonstellationen wie etwa Angelman-Syndrom oder Noonan-Syndrom. Ohne Diagnosen wäre es ungleich schwerer, diese Gemeinschaften zu bilden, da die Diagnosen als Zusammenfassung teils recht komplexer Problemkonstellationen gute Schlagworte für die Suchmaschinen des Internets bilden.


Weiterführende Texte

Spitczok von Brisinski, I. (2006): Systemische Narrative, Qualitätsmanagement, Psychiatrie & Krankenkassen: Eine Reflexionsliste zur systemischen Berichtgestaltung. Kontext 3, 275-296

Spitczok von Brisinski, I. (1999): Diagnosen, Holzschnitte und asiatische Kochkunst. Zeitschrift für systemische Therapie 17, S. 268-270

Spitczok von Brisinski, I. (1999): Zur Nützlichkeit psychiatrischer Klassifikationen in der systemischen Therapie - DSM, ICD und MAS als Hypothesenkataloge dynamischer Systemkonstellationen. Zeitschrift für systemische Therapie 17, S. 43-51

Spitczok von Brisinski, I. (1999): Diagnostische Klassifizierung - Teufelszeug für den Systemiker? Herbst-Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie

Literaturliste 'Diagnosen aus systemischer Sicht'

Radical Constructivism
Ein sehr umfangreiches Verzeichnis von Alex Riegler mit Diskussionsforum, Links zu Organisationen, Artikeln, Zeitschriften, Definitionen, Tagungen, usw.

Narrative Therapy
Interview mit Michael White

Topics in narrative Psychology: Psychotherapy
Internet and Resource Guide by Vincent W. Hevern

Narritive approaches
von Dean Lobovits, David Epston und Jennifer Freeman

Über die Schwierigkeit, systemisch zu narrativieren
von Jürgen Kriz




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