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Systemisches Gedankenregister:

Reframing, Umdeutung

Welche Bedingungen müssen Umdeutungen bzw. Metaphern erfüllen, um therapeutisch wirksam zu sein?

Ingo Spitczok von Brisinski

Ein Interpret, der einen Sprecher verstehen will, bringt eigene Sätze mit den Äußerungen und geistigen Zuständen des Sprechers in Einklang. Im psychotherapeutischen Gespräch wechseln Therapeut und Patient bzw. Angehörige ständig die Rolle von Sprecher (immer dann, wenn sie gerade sprechen) und Interpret (immer dann, wenn sie gerade zuhören und/oder den Sprecher beobachten).
Der Philosoph Donald Davidson schreibt zur allgemeinen Beziehung zwischen Interpret und Sprecher (1993, S.82ff): "Durch die Gesamtheit der dem Interpreten zur Verfügung stehenden Belege wird keine eindeutige Wahrheitstheorie für einen bestimmten Sprecher festgelegt, was nicht bloß daran liegt, daß die Zahl der faktisch verfügbaren Belege endlich ist, während sich aus der Theorie unendlich viele überprüfbare Konsequenzen ergeben, sondern daran, daß selbst alle möglichen Belege nicht ausreichen, um die Zahl der akzeptablen Theorien auf eine einzige zu beschränken. Im Hinblick auf die Reichhaltigkeit der Struktur, die durch die Menge der eigenen Sätze repräsentiert wird, und die Beschaffenheit der Verbindungen zwischen den Elementen dieser Menge und der Welt sollten wir nicht überrascht sein, wenn es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, den Sätzen und Gedanken eines anderen unsere eigenen Sätze derart zuzuordnen, daß alles, was von Belang und Bedeutung ist, erfaßt wird. Es besteht eine Ähnlichkeit zwischen dieser Sachlage und dem Messen von Gewichten oder Temperaturen durch die Zuordnung von Zahlen zu Gegenständen. Auch unter der Voraussetzung, es seien keine Meßfehler gemacht und alle möglichen Beobachtungen seien angestellt worden, ist eine Zuordnung von Zahlen zu Gegenständen, die deren Gewichte festhält, nicht die einzig mögliche: Ist eine derartige Zuordnung gegeben, läßt sich eine andere herstellen, indem man alle Zahlen mit einer beliebigen positiven Konstante multipliziert. Im Fall der normalen (nicht der absoluten) Temperatur läßt sich jede richtige Zahlenzuordnung durch lineare Transformation in eine andere verwandeln. Da es viele verschiedene, aber in gleichem Maße akzeptable Möglichkeiten gibt, eine handelnde Person zu interpretieren, können wir, wenn uns daran liegt, sagen, die Interpretation oder Übersetzung sei unbestimmt bzw. es gebe keine sachbedingten Fakten hinsichtlich dessen, was jemand mit seinen Worten meint. In der gleichen Manier könnten wir auch von der Unbestimmtheit des Gewichts oder der Temperatur reden. Aber normalerweise akzentuieren wir das Positive, indem wir klarstellen, was von einer Zahlenzuordnung zur nächsten invariant bleibt, denn das Invariante ist das empirisch Signifikante. Das Invariante ist eben das Faktische an der Sache. Wir können es uns erlauben, das Übersetzen und den Inhalt der geistigen Zustände im gleichen Licht zu betrachten."
Übertragen wir die Aussagen Davidsons aus dem Allgemeinen in den psychotherapeutischen Kontext, und hier insbesondere auf die Konstruktion und Interpretation von Umdeutungen bzw. Metaphern, so lässt sich Folgendes annehmen:

  • Umdeutungen bzw. Metaphern funktionieren, wenn Therapeut und Klient darauf akzentuieren, dass die Aussagen nicht völlig unbestimmt sind, sondern etwas Invariantes beschreiben.
  • Eine Umdeutung bzw. Metapher, die von Therapeut und Klient gleichermaßen akzeptiert wird, stellt eine Transformation dar unter Nutzung des Invarianten.
    Therapeutisch wirksam, d. h. eine Veränderung des Klienten anstoßend, kann sie aus systemischer Sicht jedoch nur dann werden, wenn das Ergebnis der Transformation für den Klienten angemessen ungewöhnlich (Andersen 1990, Spitczok von Brisinski 1999) ist.
    Wie lässt sich "das Invariante" näher beschreiben? "Das Invariante ist eben das Faktische an der Sache" schreibt Davidson (1993, S. 83). Als Beispiel einer Bestimmung des Invarianten mittels Transformation sei hier die "Projektion nach außen" zitiert (Davidson 1993, S. 79): "Ohne diese Gemeinsamkeit der Reaktionen auf gemeinsame Reize hätten Denken und Reden keinen spezifischen Inhalt - das heißt, sie hätten gar keinen Inhalt. Um der Ursache eines Gedankens einen Ort zuzuschreiben und so seinen Inhalt zu bestimmen, sind zwei Standpunkte nötig. Diesen Vorgang können wir uns als eine Art Triangulation vorstellen: Jede der beiden Personen reagiert unterschiedlich auf Sinnesreize, die aus einer bestimmten Richtung heranströmen. Projizieren wir die herankommenden Linien nach außen, ist ihr Schnittpunkt die gemeinsame Ursache. Bemerken die beiden Personen nun die Reaktionen des jeweils anderen (im Fall der Sprache: die verbalen Reaktionen), kann jeder von ihnen diese beobachteten Reaktionen zu den eigenen, von der Welt herkommenden Reizen in Beziehung setzen. Jetzt kann die gemeinsame Ursache den Inhalt einer Äußerung und eines Gedankens bestimmen. Das Dreieck, das dem Denken und Sprechen Inhalt verleiht, ist abgeschlossen."
    Zur Konstruktion brauchbarer Umdeutungen bzw. Metaphern sind daher Extrapolation von seiten der beteiligten Wahrnehmenden ("Projektion nach außen"), Interpolation auf dem o. g. geschlossenen Dreieck (bzw. bei mehr als zwei beteiligten Personen auf einem geschlossenen Polygon) oder Transformation des Dreiecks (bzw. Polygons) als unterstützende Verfahren denkbar.


    Literatur
    Andersen, Tom (Hg., 1990) Das Reflektierende Team: Dialoge und Dialoge über Dialoge. Dortmund: modernes lernen
    Davidson, Donald (1993) Dialektik und Dialog. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Spitczok von Brisinski, Ingo (1999) Ressourcenorientierung, Lösungsorientierung und systemische Theorie. Frühjahrsrundbrief der Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie
    Spitczok von Brisinski, Ingo (2001): Ist die Zukunft das Land, das der Station gehört? Oder ist die Station das Land, das niemandem gehört? Ethnologische und politische Metaphern zur Kontextgestaltung stationärer systemischer Kinderpsychotherapie. In: Rotthaus, W. (Hg.) Systemische Kinder- und Jugendpsychotherapie. Heidelberg: Carl Auer.
    Spitczok von Brisinski, Ingo (2003) Systemisches Gedankenregister: Metapher




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