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Das Schild der SystemikerIn

Ingo Spitczok von Brisinski

Es begab sich aber zu der Zeit, dass alle Welt diagnostizieret würde... ach, nein, das ist die falsche Geschichte....

In grauer Vorzeit rottete sich ein Völkchen von Druiden zusammen, das später unter dem Namen "Systemiker" bekannt wurde. Sie waren berühmt für ihre Eigenheiten als Ratgeber in der Kampfeskunst, denn, statt die Schwächen des Gegners zu suchen, empfahlen sie, gnadenlos die Stärken des Gegners auszunutzen. Auf einem Banner aus dieser Zeit steht geschrieben: "Umdeuten statt Umnieten!"

Auch ihre sonstige Strategie unterschied sich sehr von anderen Stämmen: sie strebten nicht den Kampf "Mann gegen Mann" an, sondern konzentrierten sich vielmehr auf Schwächen in der Verständigung der Gegner untereinander. Karl Thomas der Beobachter verfasste dazu in grauer Vorzeit, nämlich Anfang der neunziger Jahre im letzten Jahrhundert, eine Klassifikation pathologischer Beziehungsmuster als Gegenentwurf zum "Buch der Bücher" (DSM).

Schließlich machten Harold der Golem und Harlene die Andere die Entdeckung, dass Krieger, bei denen über viele Jahre eine Verletzung nicht heilte, ein Schild trugen. Daraus schlossen sie, dass das Tragen eines Schildes das Ausheilen der Wunde verhindert. Sie empfahlen allen Kriegern, ihr Schild wegzuwerfen. Bert der Erhellte hatte die Wahrheit erkannt: "Viele Probleme entstehen durch das Tragen von Schilden und sie werden durch das Tragen von Schilden aufrecht erhalten. Ein Schild, das zur Abwehr führt, ist schon deswegen falsch. Die richtige Deutung, die hilft, ist immer ehrenwert!" Besonders berüchtigt war auch Ken Galgen, der dazu aufforderte, alle Schilde durch Fahnen zu ersetzen.

Und die Systemiker sahen, dass es gut war.

Doch nicht für alle Systemiker war dies das Paradies auf Erden: ein Teil der Systemiker ließ sich von Königin Kassa Kranka für ihre Dienste an den Untertanen fürstlich belohnen. Königin Kassa Kranka jedoch verlangte, entsprechend alter Sitte, dass Ihre Untertanen Schilde tragen. Denn landläufig war man damals noch der Meinung, dass Schilde zu was nutze sind.

Wie konnten die systemischen Söldner mit dieser Zwickmühle umgehen? Erfindungsreich führten sie Zweisprachigkeit ein: das Ding, was ihre Kunden da mit sich herumtrugen, nannten Sie Kassa Kranka gegenüber weiterhin "Schild". Ihren Kunden empfahlen sie jedoch, das Schild nicht weiter zu benutzen, sondern einfach unbeachtet baumeln zu lassen. Denn Kassa Kranka war ja bei den eigentlichen Kämpfen nicht dabei. Ihr reichte es in der Regel, die von weitem sichtbaren Schilder baumeln zu sehen. Nur selten sagte Kassa Kranka zu ihren Söldnern: "Ich schau dir in die Aufzeichnungen, Kleines!".

Es ist im Nachhinein schwer nachzuvollziehen, wieso, aber im Laufe der Jahre mischten sich unter die orthodoxen Systemiker ein paar Sonderlinge wie z. B. Boscolus und Bertrandus oder Thomas der Weiße, die sich auch mit dem Einzelkampf beschäftigten. Sie verwendeten dabei eine Methode, die Systemiker schon früher in abgewandelter Form benutzt hatten: sie verlangten von den Kriegern, sich vorzustellen, dass andere Krieger auch anwesend sind. Außerdem sollten sie sich in die Lage dieser nicht vorhandenen Krieger versetzen und einen Tipp abgeben, was die wohl sagen oder machen würden.

Graue Wolken zogen über das Land der Systemiker: Kassa Kranka sagte nun öfter "Ich schau dir in die Aufzeichnungen, Kleines!" und war auch zunehmend beunruhigt, warum denn die Schilde so baumelten.

Eine Randgruppe systemischer Druiden, die nicht nur Beratung in freier Praxis durchführten, sondern auch die Folgen der Kriegsführung im Lazarett zu behandeln hatten, war nicht ganz glücklich mit dem Baumeln. Warum sollten man außer den Stärken nicht auch die Schwächen betrachten? Waren die Schilde wirklich zu nichts zu gebrauchen? Einige Krieger äußerten sogar ganz klar, dass sie ohne Schild nicht auskämen. Was würde passieren, wenn Kassa Kranka von ihren Untertanen erfährt, dass die Schilde eine Farce sind? Und was würden die Krieger sagen, wenn sie erführen, dass die Nichtnutzung der Schilde gar nicht mit der Königin abgesprochen ist? War die Ursache der verzögerten Wundheilung vielleicht gar nicht das Schild, sondern trugen die Krieger mit den chronifizierten Wunden einfach nur Schilder, weil fast jeder Krieger ein Schild trägt? Warum wies nicht jeder Krieger, der ein Schild benutzt, chronifizierte Wunden auf? War es nicht möglich, neue Stärken durch Gebrauch des Schildes zu entwickeln?




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